Archiv
laufendes Jahr

Die Schönsten Schweizer Bücher des Jahres 2001

Across/Art/Suisse/1975-2000. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Agenda 2002. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Andy Warhol's visual memory. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Die Bauernhäuser des Kantons Bern (Bd. 2). Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Communicating in Print. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Design Noir. The Secret Life of Electronic Objects. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Designland Schweiz. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Diplompublikation 2001. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Doris Quarella. Fotografin 1944 - 1998. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Erik Steinbrecher. Baumann. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Fazal Sheikh. Ramadan Moon. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Film Zitate. Ausschnitte. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Hans Krüsi. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Hans Ulrich - Gesammelte Schriften (5 Bde.). Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Der "Indianer" im Kloster St. Gallen. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Jean-Marc Bustamante L.P. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Julian Salinas. Metro Tbilisi. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Julian Schnabel. Sculptures 1982-1998. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Meine fremde Welt. Grete Gulbransson Tagebücher 1913 bis 1918. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Musée suisse. Acht Museen - ein Unternehmen. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Neue Zürcher Evangelien-Synopse. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Die Ostschweiz 1974-1997. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Revue 1926. Poster Collection 01 / Donald Brun. Poster Collection 02 / Posters for Exhibitions 1980-2000. Poster Collection 03. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Rencontres au pays de l'océan de sagesse. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Rolf Schroeter. Die Lichtung. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Schauspielhaus – Saisonvorschau 2001/02 und 11 Programmhefte. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Susa Flott und ihre haarsträubende Geschichte. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Urs Lüthi - The Venezia Pavilion I + II. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Welcome in my dress. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Woodtli. Fotografie: Isabel Truniger, Zürich
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Über den Jahrgang

Modern und modernistisch
François Rappo
Grafiker und Typograf, Lausanne
Präsident der Jury

 

"Dieses Buch ist doch nicht modernistisch - es ist modern!" Diese Aussage fiel in den Diskussionen der Jury für "Die schönsten Schweizer Bücher" im neu renovierten Gebäude der Landesbibliothek und des Bundesamtes für Kultur. Ich führe sie hier an, weil sie auf verschiedene Themen verweist, die die Jury an diesen drei Tagen im Januar beschäftigten. Warum nicht nochmals diesen Modernismus und seine Aktualität als roten Faden aufgreifen?

 

So wurde der Jan-Tschichold-Preis dieses Jahr Lars Müller verliehen, der dieser Perspektive der Verbindung mit den "Modernen" in zweifacher Hinsicht entspricht: Mit dem Preis wird der Verleger ausgezeichnet, dank dessen Katalog die jüngere Generation von Designern in der Schweiz und auf internationaler Ebene über die Werke verfügt, die das moderne Design begründet haben und die in technischer wie verlegerischer Hinsicht hohe Qualitätsansprüche erfüllen. Mit diesem Preis wird jedoch auch der Buchgestalter ausgezeichnet, der das modernistische Erbe durch seine Realisierungen persönlich aktualisiert und lebendig weiterentwickelt hat. Dies gilt ebenso für seine visuelle Sprache wie für seine rationale Auseinandersetzung mit Fragen der visuellen Gestaltung. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass sich dieses Vorgehen Ende der 80er Jahre voll entfalten konnte, zu jenem Zeitpunkt, als es schien, diese Sprachen seien an ihre Grenzen gelangt.

 

Die Auszeichnung "Buch der Jury" wurden dem Werk "Woodtli" verliehen. Ist es ein Hinweis auf unsere Aktualität, dass die "Ephemera" der Technoszene der neunziger Jahre im Medium Buch eine neue Phase ihrer Entwicklung finden? Mit dem Transfer vom Flyer zum Buch bietet das einzigartige Projekt von Martin Woodtli dem Leser die Möglichkeit, eine neue Materialität des Gedruckten zu erleben. Es führt ihn dazu, einen Prozess zu erkunden, der Elemente zahlreicher visueller "Technojargons" mischt: vektorielle Gestaltungsschichten, grafische Parodien und spielerische Verwendung von Selbstzitaten. Bei einem grafischen Projekt lässt sich der Computerbildschirm in einem Zwischenschritt als Hilfsmittel kaum umgehen. Hier jedoch erscheint er durch die Möglichkeiten herausgefordert, die das Gedruckte in Bezug auf eine hohe Auflösung bietet.

 

Das Thema Modernismus ermöglicht es auch, zwei typografische Kulturen zu vergleichen: Einerseits die "gelehrte" oder "puristische" Kultur, die mit absichtlich enger gefassten und universalistischen, grafischen Mitteln arbeitet, wie dies zum Beispiel für das Werk von Weiersmüller Bosshard Grüninger WBG zu Ralf Schroeter gilt, andererseits die typografische Kultur, die die gleichen Kompetenzen gegenüber sehr unterschiedlichen kontextbezogenen und "lokalen" visuellen Kulturen öffnet, wie die Serie von Drucksachen des Schauspielhauses Zürich, die Urs Lehni und Cornel Windlin realisiert haben.

 

Ein weiterer Aspekt unserer Modernität ist die Internationalisierung der Verbindungen, welche die Verlagsprojekte in allen Phasen kennzeichnen. Dies führte die Jury dazu, dieses Jahr ausnahmsweise auch Bücher zuzulassen, die nicht zwei der drei gemäss Wettbewerbsreglement erforderlichen Bedingungen für die Zulassung als "Schweizer Bücher" erfüllen. (Die Bedingungen sind: Schweizer Gestalter, Verlag und Druckerei.) Die Jury hat damit anerkannt, dass sich im Zusammenhang mit dieser zunehmenden Internationalisierung Bücher über diese Regeln hinwegsetzen können, die für die meisten “nationalen" Wettbewerbe gelten. Bisher schlossen diese Regeln eine ganze Gruppe von besonders internationalen Büchern aus. Die Jury wird dem Eidgenössischen Departement des Innern vorschlagen, in Zukunft Bücher zuzulassen, die mindestens eines der drei oben erwähnten Kriterien erfüllen und die in Bezug auf ihre Gestaltung, ihren Druck oder ihren verlegerischen Entwurf eine spezifische Verbindung zur schweizerischen Buchszene aufweisen.

 

Nach diesem Grundsatz hat die Jury drei Bücher ausgewählt. “Woodtli” von Martin Woodtli, das auf Grund seines Autors, seines Zielpublikums und der Auftraggeber der Schweizer “graphic design” Szene zuzurechnen ist. Die “Neue Zürcher Evangelien-Synopse” stellt über ihren Gestalter, den Niederländer Christoph Noordzij, der auch für die typografische Gestaltung verantwortlich zeichnete, die Verbindung zwischen der typografischen Kultur, die im Umkreis der königlichen Akademie von Den Haag entstanden ist, und einem ganz spezifisch zürcherischen Verlag und Lektorat her. Dieses Werk, das die lange Geschichte der Netzwerke des reformierten Buchs in der heutigen Zeit weiterzuführen scheint, bietet den Lesern äusserst innovative formale und textbezogene Lösungen. Auch das Buch "Design Noir" beruht auf ähnlichen Zusammenhängen: Es wurde in der Schweiz mitherausgegeben, und sein Gestalter, der walisische Designer Alex Rieh, der einen empirischen, humoristischen Ansatz entwickelt hat, wirkt in den Netzwerken mit, in denen auch die jüngsten Vertreter der schweizerischen Szene für grafische Gestaltung verkehren.

 

Die meisten zum Wettbewerb eingereichten Bücher sind insbesondere Fotobände, bei denen neben der gestalterischen Qualität auch die technische Reproduktions- und Druckqualität hervorzuheben ist. Dies gilt auch für das Buch aus dem Codax-Verlag über die Fotografin Shirana Shabazi, mit dem eine bereits früher prämierte Reihe weitergeführt wird und das deshalb nicht berücksichtigt werden konnte. Obwohl klar in der Minderzahl, wurden auch mehrere Textbücher prämiert: Sie zeugen von grosser Sorgfalt gegenüber dem mikrotypografischen Detail, wie beispielsweise die Serie des Ateliers Mühlberg. (Ist an dieser Stelle eine Bemerkung gestattet? In verschiedenen Büchern aus der Westschweiz, die in Bezug auf ihren Bildinhalt eine sehr hohe Realisationsqualität aufweisen, fehlt merkwürdigerweise diese mikrotypografische Kultur.) Zu erwähnen sind noch einige Projekte, die sich durch eine typografische Gestaltung auszeichnen, die auch das Design der Schrift des Titels oder gar des Buchtexts umfasst (z.B. die “Neue Zürcher Evangelien-Synopse” oder “Across /Art /Suisse /1975-2000”).

 

Während der Begriff “Schweizer” etwas weniger eng ausgelegt wurde, wird der Begriff "schön” zweifellos auch weiterhin notwendig sein. Zumindest solange damit die qualitativen Bezugspunkte der Wettbewerbsteilnehmer zusammengefasst werden können, die - und dies ist das Erfreulichste an diesem Spiel des Teilnehmens oder Bewertens - immer vielfältiger und verschiedenartiger werden.

Jan-Tschichold-Preis

Lars Müller, Baden /Gestalter und Verleger
Preisträger des Jan-Tschichold-Preises 2002

Text
Clemens Theobert Schedler, Wien (A)
Gestalter

 

Subtile Köstlichkeiten,
\ Die Bücher von Lars Müller verzichten auf alle Konventionen der Verführung. Sie zeigen kein Balzverhalten, weder nach aussen noch nach innen, sie schmeicheln mir nicht, sie buhlen nicht um meine Aufmerksamkeit. Sie sind dabei jedoch weit mehr als eine marketingfreie Zone: Die Bücher stehen für sich selbst und ruhen in sich selbst. Sie genügen sich selbst. Und sie sind stolz, sehr stolz./

 

absichtevoll ungehobelt:
\ Da finden sich immer wieder die gleichen Schriften, meistens Helvetica oder Akzidenz Grotesk, wie langweilig. Öfter Buchseiten an der Grenze zur Fadesse, gerade noch annehmbar in der Gleichmässigkeit ihrer Ränder, zu grosse Wortabstände, reichlich scharfe Kanten, rauhe Ecken. Dort, wo eine Komposition richtig spannend und mit feiner Klinge geführt sein könnte: Abbruch. Ich hole aus, zu meinem Protest, zur typografischen Blosstellung, zur Vernichtung! - Doch muss ich mich geschlagen geben, denn diese Sicht greift zu kurz./

 

Das nahe Liegende
\ Als Buchgestalter hat Lars Müller auch die Konventionen des Grafik Designs hinter sich gelassen. Die Kargheit seiner Arbeit gründet nicht in einer mürrischen Ablehnung des Üppigeren, auch nicht in der Schweizer Überlieferung oder einer dogmatisch-alpinen Verhärtung. Die Form findet sich bei ihm nicht nur geschält und hülsenfrei, sondern in einem Zustand der Entkernung, im Transformalen. Die Form entleert sich ihrer Anmutung. Sie wird frei für die Kraft des Inhalts. Der feste Blick auf das Ganze verbietet den virtuosen Einsatz typografischer Kunststücke./

 

\ Der so geschaffene Raum entspannt sich zwischen mir und dem gesamten Buch, seiner Sinnlichkeit, seinen Seiten, den Bildern, den Texten. Ich habe die Wahl, sie wurde nicht für mich getroffen. Ich bin eingeladen, in Wertschätzung und Respekt vor meinen eigenen Fähigkeiten der Wahrnehmung. Ich erhalte Freiheit, zum Schauen, Sehen und zum Sein. Erst durch mich als Betrachter, mein Empfinden, meinen Hintergrund, meine Vorlieben, meinen Zugang zum Thema, erfährt das Buch seine spezifische Färbung. Nicht das Buch zeigt den Inhalt, sondern der Inhalt zeigt sich durch das Buch./

 

weicht dem näher Liegenden.
\ In den Büchern von Lars Müller und seinem Verlag werden Lebenskonzepte, Lebensabschnitte und Lebenskondensate von Künstlern, Architekten, Fotografen, Autoren geboten. Jeder Band ist ein Zeugnis der permanenten multiplen Buchschwangerschaft des Verlegers, in jedem steckt sein gegenwärtiger Schwellwert des Erfüllbaren. Das Programm, die Titel und ihre angemessen hochwertige Machart sprechen für sich selbst. Die Bücher halten zudem jedes Eselsohr aus, eingedrückte Ecken nach einer Kollision, Abwetzungen des Gebrauchs, sie scheinen selbst gegen den Staub der Zeit resistent zu sein./