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laufendes Jahr

Die Schönsten Schweizer Bücher des Jahres 2005

Vitra. Select, arrange. Fotografie: Raphael Hefti
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1000 Peace Women. Across the Globe. Fotografie: Raphael Hefti
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2-Takt. Mofakult: Das Töfflibuch. Fotografie: Raphael Hefti
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Andro Wekua. That would have been wonderful. Fotografie: Raphael Hefti
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Bäuchlings auf Grün. Lyrik aus dem Kanton St. Gallen im 20. Jahrhundert. Fotografie: Raphael Hefti
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Bruce Lee. Fotografie: Raphael Hefti
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Cory Arcangel. Fotografie: Raphael Hefti
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Formvollendet. Eine Sammlung ästhetischer, mathematisch definierter Formen. Fotografie: Raphael Hefti
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Heidi Specker. Im Garten / Concrete. Fotografie: Raphael Hefti
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Holocaust. Mahnmal Berlin. Fotografie: Raphael Hefti
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Jules Spinatsch. Temporary Discomfort. Fotografie: Raphael Hefti
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Linda Herzog. Birmingham Istanbul Zurich. Fotografie: Raphael Hefti
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London in Zurich. Fotografie: Raphael Hefti
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Marco Paoluzzo. North / Nord. Fotografie: Raphael Hefti
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Markus Raetz. Eben. Fotografie: Raphael Hefti
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Monica Studer, Christoph van den Berg. Somewhere else is the same place. Fotografie: Raphael Hefti
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Nedko Solakov. Leftovers. Fotografie: Raphael Hefti
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Nicolas Faure. Paysage A / Landscape A. Fotografie: Raphael Hefti
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Peter Fischli - David Weiss. Fotografias. Fotografie: Raphael Hefti
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Platta Pussenta 2002-2006. Fotografie: Raphael Hefti
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Play Pentagon. Das neue Fussballstadion auf dem Hardturm in Zürich. Fotografie: Raphael Hefti
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Rembrandt. Die Radierungen aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld. Fotografie: Raphael Hefti
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Renaissance et modernité du livre illustré. Ouvrages remarquables de la collection Jean Bonna. Fotografie: Raphael Hefti
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Shahrzad. History. Fotografie: Raphael Hefti
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Shirana Shahbazi. Accept the Expected. Fotografie: Raphael Hefti
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Simon Starling. Cuttings. Fotografie: Raphael Hefti
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Le spectacle dans la rue. Fotografie: Raphael Hefti
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Statistisches Jahrbuch der Stadt Zürich 2005/2006. Fotografie: Raphael Hefti
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Territoire Méditerranée. Fotografie: Raphael Hefti
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Walter Boje. Geburtstag. Fotografie: Raphael Hefti
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Wiebke Loeper. MOLL 31. Fotografie: Raphael Hefti
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Zoologische Miniaturen. Fotografie: Raphael Hefti
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Über den Jahrgang

Mirjam Fischer

 

Mit 404 Bucheingaben wurde dieses Jahr zum ersten Mal die 400er-Grenze der zum Wettbewerb Die schönsten Schweizer Bücher eingereichten Publikationen überschritten. Es zeigt sich einmal mehr, dass der vom Bundesamt für Kultur (BAK) durchgeführte Wettbewerb in mancherlei Hinsicht auf grosses Interesse stösst und ein breites Echo auszulösen vermag, erhielt doch der letztjährige Katalog ausserordentlich viel positive Kritik in der in- und ausländischen Fachpresse.

 

Die siebenköpfige Jury unter dem Präsidium von François Rappo beurteilte die Einsendungen wie jedes Jahr hinsichtlich Konzeption, grafischer Gestaltung und Typografie, ferner nach der Qualität des Druckes und der technischen Beschaffenheit des Einbandes, der buchbinderischen Verarbeitung und den verwendeten Materialien. Ebenso wichtige Kriterien sind Originalität und Innovation. Unter den 32 ausgezeichneten schönsten Schweizer Büchern haben die Jurymitglieder ausserdem ein ‹Buch der Jury› ausgewählt. Die Wahl fiel einstimmig auf den von Cornel Windlin für die Vitra AG bemerkenswert gestalteten Verkaufs- und Produktekatalog Vitra.Select, arrange. Mit vielen tollen Bild-strecken werden die Möbel aufwändig, doch klar nicht nur als reine Verkaufsprodukte sondern als im Wohnalltag integrierte Wohngegenstände höchst attraktiv und lebendig präsentiert.

 

In Erinnerung an den Typografen Jan Tschichold, auf dessen Anregung 1944 der schweizerische Buchgestaltungswettbewerb initiiert wurde, verleiht die Jury, unabhängig von den zum Wettbewerb eingegebenen Büchern jedes Jahr den Jan-Tschichold-Preis. Mit diesem Preis gab das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) der Jury nun zum zehnten Mal die Möglichkeit, eine Persönlichkeit, eine Gruppe oder eine Institution für eine hervorragende Leistung im Bereich der Buchgestaltung auszuzeichnen. Der mit 15’000 Franken dotierte Jan-Tschichold-Preis wurde Gavillet&Rust (Gilles Gavillet und David Rust) in Genf zugesprochen. Die Jury ehrt damit ein junges Gestalterteam aus der Westschweiz, das seit mehreren Jahren mit zahlreichen Buchprojekten insbesondere für den Verlag JRP in Genf und heute in Zürich sowie dem eigenen Schriftenlabel Optimo überzeugend auf sich aufmerksam gemacht hat. Neben Gavillet&Rust waren dieses Jahr zudem Tania Prill&Alberto Vieceli, Zürich, Aude Lehmann, Zürich und Laurenz Brunner, Amsterdam für den Jan-Tschichold-Preis nominiert. Höchst erfreulich sind immer wieder die Auszeichnungen, die die Schweiz auch am internationalen Gestaltungswettbewerb Schönste Bücher aus aller Welt in Leipzig erhält. Eine international besetzte Jury zeichnete von 636 Büchern aus 34 Ländern je eines mit einer Goldenen Letter, einer Goldmedaille, zwei mit Silbermedaillen, je fünf mit Bronzemedaillen und Ehrendiplomen aus. Eine der Bronzemedaillen ging an den von Iza Hren und Georg Rutishauser gestalteten Ausstellungskatalog Monica Studer, Christoph van den Berg. Somewhere else is the same place.

 

Internationales Aufsehen erregte der Wettbewerb Die schönsten Schweizer Bücher letztes Jahr auch durch den von Laurent Benner (Reala) gestalteten Katalog. Das Gestaltungskonzept vermochte derart zu überzeugen, dass sich der Grafiker und sein Team bestärkt fühlten, die Idee einer Kompilation aus Originalseiten weiterzuentwickeln und in neuer Form anzuwenden. Mehr noch als letztes Jahr sollen nun spezifische Aspekte der Buchherstellung beleuchtet werden, um die Publikation ganz zu einem archivischen Nachschlagewerk und Materialbuch werden zu lassen.

 

Nur dank der engen und inspirierenden Zusammen- arbeit zwischen Grafiker, Druckereien, Papierlieferanten und der Buchbinderei Burkhardt konnte der diesjährige Katalog realisiert werden. Unser Dank gilt der grossartigen Unterstützung (mit Material, Arbeit und Ideen) durch die Drucker aller prämierten Bücher, der Buchbinderei Burkhardt, den Papierfirmen Arctic Paper Schweiz AG, Antalis AG, Inapa Schweiz AG, Sihl+Eika AG und Fischer Papier AG und nicht zuletzt der Druckerei Odermatt. Mich persönlich erfüllt es mit Freude, dass es in finanziell schwierigen Zeiten und allen Unkenrufen zum Trotz möglich war, ein solches Projekt zu realisieren, in welchem technisches, kommunikatives und menschliches Know-how auf unübliche Weise gefordert und mit grossem Enthusiasmus vereint wurden.

 

Nun wünsche ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine alle Sinne anregende Freude beim Streifzug durch die Welt der schönsten Schweizer Bücher 2005.

Jan-Tschichold-Preis

Gavillet & Rust. Zwischen Ökologie der Zeichen und Wiederbehausung der Moderne
Lionel Bovier

 

Ich habe Gilles Gavillet und David Rust 1995 während meiner Lehrtätigkeit an der ECAL, Ecole cantonale d’art de Lausanne, kennen gelernt. 1998 ging Gavillet nach Zürich zu Cornel Windlin. Rust wurde Professor für neue Medien in der Abteilung Visuelle Kommunikation, wo er auch studiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Grundlagen des Projekts Optimo bereits gelegt: ein Faltprospekt kündigte seine Gründung an in Form einer «Website zu einer virtuellen Schriftgiesserei, aufgebaut wie ein Unternehmen mit einem komplexen Organigramm, einer Ton- und Bilddatenbank sowie einer Kleiderlinie» (ECAL, Collection Produits Nr. 2, Lausanne 1998). Das Schriftenlabel Optimo war zwar in erster Linie bestimmt für Entwurf und Edition neuer typografischer Schriften, wollte aber gleichzeitig auch eine Debatte über die letzten Überreste des Modernismus führen «so wie er sich noch in den gebräuchlichsten Kommunikationsmodellen, im Trennungsprinzip zwischen «privat» und «öffentlich», im Habitat oder in den da und dort im soziokulturellen Umfeld wie erratische Blöcke ruhenden Utopien manifestiert» (ibid.). Das bedeutete auch, dass sich Optimo von Anfang an für die Begriffe Originalität und Ursprung, Anwendung und Projekt interessierten und sich weniger dafür einsetzten, Grafik, Musik oder Mode als solche voranzutreiben. Optimo war daran nur insofern interessiert, als dass sie vom geschützten Rahmen dieser mehr oder weniger institutionalisierten Kunst- und Kulturräume profitieren konnte, um Projekte, Modelle oder Diskussionen zu generieren, die auf das Wirkliche zurückführen können.

 

Diese Fragen stellen sich direkt bei der Neuverhandlung des Territoriums zwischen Kunst und Design, Kultur und Industrie, welche die zweite Hälfte der 90er Jahre bestimmten. Dieses Design in an expanded field, um den Titel einer Serie von Gesprächen, die ich seit dieser Zeit leite, aufzunehmen, entspricht perfekt der von Gavillet & Rust gewählten Option: Ohne etwas von der Besonderheit ihres Metiers aufzugeben, wie dies ihre typografische Spezialisierung belegt, beanspruchen sie dialektisch einen künstlerischen Anspruch in ihren Projekten. So beispielsweise beim Katalog Die schönsten Schweizer Bücher 2000 (BAK, Gavillet & Windlin) oder bei Aufträgen für die EPFL, bei denen Gavillet & Rust ihrerseits Fotografen wie Armin Linke oder Isabel Truniger engagierten. Die Werke Across/Art/Suisse/1975-2000 (Skira/Le Seuil, Mailand & Genf 2001) und 25th International Biennial of Graphic Arts Ljubljana (JRP Editions, Genf 2003) sind Resultate einer konkreten Auseinandersetzung mit ikonografischen und editorialen Fragen. Sie stehen für ein starkes grafisches Projekt, das untrennbar mit dem projet éditorial verbunden ist.

 

Heute nimmt das Schriftenlabel Optimo auch andere Designer auf, und die vertriebenen Fonts sind in zahlreichen Magazinen erschienen, von Vogue Hommes bis GQ Deutschland oder Outside Magazine (Condé Nast), in Publikationen oder auf Plakaten.

 

Als ich 2004 JRP| Ringier gründete, schien es mir deshalb klar, dass ich Gavillet & Rust nicht nur für die Realisierung der visuellen Identität des Unternehmens und seiner Internetseite usw. verpflichten wollte, sondern auch für die Definition der editorialen Typologien.

 

Im Rahmen der Tagung Typecon 2003 in Minneapolis erklärten Gavillet & Rust: «Die Welt ist geschrieben, aber man muss sie auch lesen können... Die visuelle Alltagswelt ist voller Zeichen; von Tageszeitungen zu Lebensmittelverpackungen, von Gebrauchsgegenständen zu Kleidern, von Fahrzeugen bis hin zu Gebäuden durchstreift man einen unendlichen Zeichenwald. Und man täusche sich nicht: Seine Durchlässigkeit ist nur die Gegenseite zur eigenen. Beim Durchschreiten der alltäglichen Umgebung wird man von «gebündelten Strahlen» von Logos, visuellen Identitäten, Gedrucktem und Bildern durchbohrt. Folglich ist die Typografie in je dem Moment und an jedem Ort des Alltags gegenwärtig. Typografie als einer der Hauptbestandteile eines Wortes, ist Teil der Atmosphäre und des Austauschs. Sie hat damit Einfluss auf die Vermittlung, indem sie mit Zufall und Brüchen oder mit Transparenz und Opazität spielt.» Diese Aufmerksamkeit für alltägliche Zeichen, diese Reflexion über ihren Gebrauch und ihren Einfluss zeigen vielleicht am besten den Ehrgeiz von Gavillet & Rust. Eine Mischung aus Neomodernität (Vorzug von Makro- gegenüber Mikrolösungen, Transparenz, Effizienz, problem-solving, usw.) und postmodernistischer Konfrontation mit der Art, wie Alltagswelt und Design interagieren; Gaville & Rusts Sprache schillert zwischen Reintegration und Dekonstruktion der Regeln. Zweifellos ist der helvetische Kontext in dieser Position nicht ohne Bedeutung, in der Nähe von Designern wie Cornel Windlin oder Norm, aber auch Parallelen zur aktuellen künstlerischen Praxis sind auszumachen (Cady Noland, Liam Gillick, Kelley Walker usw.). Man könnte auch sagen, man habe es hier mit einer Form von Ökologie der Zeichen der Moderne zu tun. Wenn die modernistischen Formen, wie dies Künstler und Theoretiker der Postmoderne behaupten, den Höhepunkt des Kapitals repräsentieren, ist man mit einer einfachen Alternative konfrontiert: Dieses Erbe als Ganzes zurückzuweisen oder sich dessen Formen wieder anzueignen. Es scheint, dass Gavillet & Rust die zweite Richtung eingeschlagen haben, eine Art, das Moderne neu zu behausen...