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laufendes Jahr

Die Schönsten Schweizer Bücher des Jahres 2007

Allan Kaprow. 18 Happenings in 6 Parts. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Archäologie der Zukunft. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Arosa – Die Moderne in den Bergen. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Barkow Leibinger. Reflect. Building in the Digital Media City Seoul, Korea. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Bernhard Willhelm. Het Totaal Rappel. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Carsten Nicolai. Static Fades. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Casco Issues, #X: The Great Method. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Christian Marclay. Crossfire. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Dieter Roth. Drawings – Zeichnungen. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Freibad Letzigraben. Von Max Frisch und Gustav Ammann. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Gary Hume. American Tan. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Hanspeter Hofmann. Bonheur Automatique. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Jim Shaw. Distorted Faces & Portraits 1978-2007. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Johannes Wohnseifer. Werkverzeichnis 1992-2007. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Linus Bill. Meistens macht man die im Haus, aber im Sommer gehts auch draussen. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Lyon Biennal. oos – The History of a Decade that Has not Yet Been Named. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Marc Camille Chaimowicz. The World of Interiors. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Die Mitte des Volkes. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Ofoffjoff – One to One. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Peter Saville. Estate. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Projekt Vitra. Orte, Produkte, Autoren, Museum, Sammlungen, Zeichen; Chronik, Glossar. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Rirkrit Tiravanija. A Retrospective (tomorrow is another fine day). Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Ein Tag im Leben von. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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It's Time for Action (There's No Option). About Feminism. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Umsichten. Jahrbuch des Departements Lehrberufe für Gestaltung und Kunst 2006. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Vitra. The Home Collection 2007/08. Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Wouldn't it be nice... Fotografie: Marianne Vierø, Amsterdam
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Über den Jahrgang

Mit dem in den 40er Jahren durch Jan Tschichold angeregten Wettbewerb Die schönsten Schweizer Bücher schuf sich zu Beginn der schweizerische Verlegerverband und seit mehr als 30 Jahren das Bundesamt für Kultur ein Instrument, um alljährlich die besten Buchproduktionen auszuwählen. Ging es in den Anfängen vor allem darum, die Buchproduktion zu steigern, stellt sich der Wettbewerb heute zur Aufgabe, die Qualität der Buchgestaltung in der Schweiz zu fördern und die prämierten Bücher einem breiten Publikum im In- und Ausland vorzustellen. Prämierte Bücher sind das Resultat einer Jurierung, abhängig von Richtlinien, Zulassungsbestimmungen und Jurykriterien, die unweigerlich auch für Ein- und Ausschlüsse stehen. Die alljährliche Selektion widerspiegelt dadurch sehr genau die wechselnden Qualitätsanforderungen und Rahmenbedingungen des Wettbewerbs. Nicht nur der Modus der Juryzusammensetzung hat sich mit den Jahren geändert, sondern auch die Anzahl der Mitglieder des Auswahlgremiums. Seit Anfang Jahr ist die Wettbewerbsjury weitgehend neu besetzt und zählt erneut fünf Mitglieder, gleich viel wie die allererste im Jahre 1944 eingesetzte Jury. Bis zu 15 Juroren umfasste das Gremium in den 70er Jahren. Die Reduktion von sieben auf fünf Mitglieder und die Aufhebung der Spezialjury geschah im Rahmen des vom Bundesrats geforderten und beschlossenen Aufhebung etlicher ausserparlamentarischer Kommissionen und Jurys und führte zu einer Verschmelzung der Eidgenössischen Designkommission mit der Jury Die schönsten Schweizer Bücher.

 

Die fünfköpfige, international besetzte Jury unter dem neuen Vorsitz von Cornel Windlin hat aus den 408 Einsendungen 27 Publikationen als Die schönsten Schweizer Bücher ausgezeichnet. Die Bücher wurden hinsichtlich grafischer Gestaltung und Typografie, ihrer technischen Beschaffenheit in der Qualität des Druckes und des Einbandes, der buchbinderischen Verarbeitung sowie den verwendeten Materialien begutachtet. Was ein Buch zu einem auszeichnungswürdigen Buch macht, ist in den jeweiligen Juryberichten nachzulesen. Ein Interview mit den Jurymitgliedern, Spezialisten aus den verschiedenen Disziplinen der Buchgestaltung, Buchherstellung und Vertrieb, gibt erstmals einen erhellenden Einblick in die bei der Auswahl berücksichtigten Kriterien sowie über die aktuellen Trends. Der Schwerpunkt der Bewertung lag in diesem Jahr auf der Innovation und Originalität oder, um es in den Worten des Jurypräsidenten zu sagen, auf der und der grafischen Konzeption. Alljährlich finden die gekürten schönsten Schweizer Bücher auch auf dem internationalen Parkett eine erfolgreiche Bestätigung. Am Wettbewerb Schönste Bücher aus aller Welt in Leipzig sind dieses Jahr so viele Schweizer Bücher wie noch nie ausgezeichnet worden. Mit einer Goldmedaille (Walter Keller [Hg.], Ein Tag im Leben von), zwei Bronzemedaillen (Fabian Biasio, Margrit Sprecher, Die Mitte des Volkes und Vitra AG, Vitra. The Home Collection) sowie einem Ehrendiplom (Dorothea Strauss (Hg.), Carsten Nicolai. Static Fades) gehen gleich vier Würdigungen an Schweizer Bücher. Damit hat die Schweiz als einziges Land vier Medaillen geholt.

 

Neben Ausstellungen und Rahmenveranstaltungen im In- und Ausland bildet der Katalog eine wichtige Plattform, um über aktuelle Fragen und Probleme im buchgestalterischen Schaffen kritisch nachzudenken. Was können uns die prämierten Bücher zeigen, und wie repräsentieren sie die schweizerische Buchgestaltung? Was ist mit den leidenschaftlichen Debatten passiert, die innerhalb und ausserhalb profilierter Fachzeitschriften in den '60er Jahren über die Schweizer Grafik und Buchgestaltung geführt worden sind? Der vorliegende Katalog Die schönsten Schweizer Bücher 2007 bildet den Anfang einer auf drei Jahre angelegten Trilogie und versteht sich als Impulsgeber für die Wiederbelebung eines neuen und aktiven Diskurses. Die zur Ausstellungseröffnung im Museum für Gestaltung Zürich erscheinende Publikation wurde in diesem Jahr zum ersten Mal von Laurenz Brunner konzipiert und gestaltet. Für die gesamte editorische Arbeit zeichnet er gemeinsam mit dem Literaturwissenschafter Tan Wälchli verantwortlich. Lagen in den letzten drei Jahren produktionsspezifische Aspekte im Vordergrund, so richtet diesmal eine reichhaltige Palette an spannenden Essays den inhaltlichen Fokus auf relevante Themen und Beobachtungen rund um das Buch und die Buchgestaltung. Wir dürfen auf die Fortsetzung in den nächsten Jahren gespannt sein.

 

Ziel ist es, eine lebendige und anregende Auseinandersetzung mit dem Medium Buch, seiner Gestaltung, seinen Representations- und Produktionsbedingungen in allen Facetten zu führen.

 

Nach neun Jahren organisatorischer Betreuung des Wettbewerbs Die schönsten Schweizer Bücher verlasse ich das Bundesamt für Kultur mit einem lachenden und weinenden Auge und breche auf zu neuen Ufern. Ich darf den Stab aber weitergeben und wünsche meiner Nachfolge genauso viel Begeisterung, Interesse, Bereicherung und Wirkungskraft, wie ich sie während der letzten Jahre erleben durfte.

 

Mirjam Fischer, Kunsthistorikerin
Verantwortlich für den Wettbewerb Die schönsten Schweizer Bücher
Bundesamt für Kultur, Bern

Jan-Tschichold-Preis

Aude Lehmann

 

Der erste Blick auf die gestalterische Arbeit von Aude Lehmann nährt den Eindruck einer quasi neutralen, signaturlosen visuellen Sprache. Ganz gemäss modernistischen oder neomodernistischen Vorstellungen scheint die Gestalterin als Autorin hinter die Dienstleistungsaufgabe zurückzutreten. Dieser Entscheid ist bewusst. Und er ist kein Verzicht. Vielmehr geht er auf das Interesse für eine integralere Auffassung von Gestaltung zurück, die sich gegen eine visuelle Sprache als pures Logo kehrt. Diese Auffassung reduziert die Gestaltung nicht auf die Oberfläche, auf die Erscheinungsebene. So können hier formale Entscheidungen stattfinden, die in die Nähe des Allgemeinen und Nichtindividuellen tendieren. Das könnte man den nicht-manieristischen Ansatz von Aude Lehmann nennen. Was stattdessen in den Vordergrund rückt, ist eine engagierte Auseinandersetzung mit der Kommunikation des gesamten Projekts: Dies reicht hinein in die Integrität der einzelnen Bestandteile und kann auch konzeptionelle und redaktionelle Aspekte umfassen.

 

Es erstaunt deshalb nicht, dass Aude Lehmann neben den diversen Auftragsarbeiten - wovon viele im Bereich von Kunst und Kultur liegen - auch ein eigenes Publikationsprojekt in Angriff genommen und (zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Tan Wälchli) realisiert hat: 2004 begannen Wälchli und Lehmann eine dreiteilige Publikation mit dem Namen Whyart, wovon die ersten beiden Bände Aura und Glamour bereits erschienen sind; in Bälde folgt die Veröffentlichung des Bandes Mode. Für Inhalt und Form sind die Koautoren verantwortlich. Symptomatisches Detail: Für diesen dritten Band hat Lehmann eine Modestrecke konzipiert und dafür kurzerhand eine Modelinie entworfen, die den eigenen Vorstellungen davon gerecht wird. Erneut ein modernistischer Impuls, doch ist der Absolutheitsanspruch insofern relativiert, als die Modestrecke primär entstanden ist, um eine Fiktion zu ermöglichen oder - anders gesagt - um ein Spiel zu initiieren, das nach dem Ort von Gestaltung fragt. Dieses topologische Interesse weist Lehmann denn auch als Gestalterin aus, die postmoderne Konstruktionsprinzipien wie Sampling, Zitat, mise en abîme etc. verinnerlicht hat. Die interessante Spannung, die dadurch entsteht, liegt irgendwo zwischen dem historischen Projekt einer authentischen Kommunikation der Moderne und einer auf Fiktion ausgerichteten gestalterischen Epistemologie jüngeren Datums.

 

Was ist der Ort der Gestaltung? Wie verortet sich Gestaltung? Die Frage hat einen buchstäblichen Sinn und natürlich einen übertragenen. Buchstäblich gesehen, ist Gestaltung immer nur Oberfläche. Bei Büchern, dem primären Medium von Lehmann, bedeutet dies: die einzelne Seite, ihr Format und ihre Binnenstruktur, bestehend aus Text, Bild, Fläche, Materialität, aber auch die narrative Struktur, die Abfolge der Teile, Chronologie und des Lese- und Blick-Flusses. Im übertragenen Sinn bedeutet es: Aspekte der Formate von Publikationen, ihre Geschichte und ihre Codiertheit. Hierin kommt der Aspekt von Lehmanns Arbeit zum Ausdruck.

 

Ein instruktives Beispiel dafür ist Album - On And Around Urs Fischer, Yves Netzhammer, Ugo Rondinone und Christine Streuli, Participating at the 52nd Venice Biennale, 2007 (ein Projekt, bei dem ich Herausgeber war). Das Vorgehen bestand zunächst darin, eine Analyse des Kontextes - eine internationale Kunstausstellung - zu leisten, bevor mögliche Publikationsformate diskutiert wurden. Und natürlich auch die Frage, wie in solchen Kontexten Publikationen eingesetzt und gebraucht w erden: Laufen sie primär auf eine mehr oder weniger noble Form von Promotion hinaus oder erfüllen sie tatsächlich diskursive Funktionen? Wie auch immer die Antwort ausfiel, klar war, dass man hier nicht nur nach der besten Wahl fragte, sondern eine Auseinandersetzung mit der Symbolik von Funktionen evozierte, die in der Kommunikationsgesellschaft alle betreffen und vielen geläufig sind, nämlich als Aussage auf der Ebene von Codes.

 

Die Frage, die sich bei einem integralen Konzept von Gestaltung aufdrängte: Wie sollte man sich zu Standards und Gewohnheiten von Publikationen in diesem Kontext stellen? Wie die gleichzeitige Nähe und Distanz zum Standard definieren? Der Prozess lief darauf hinaus, ein Format zu wählen, das die Heterogenität des Inhalts bereits auf der Ebene der Form legitim ierte bzw. sinnfällig machte, in diesem Fall eine Art Reader. Als Reader stellte die Publikation zugleich ein formales Zitat einer Publikationsform dar, die den Diskurs privilegiert, mit anderen Worten: eine argum entative Auseinandersetzung mit Kunst. Darüber hinaus erlaubte die inhärente Heterogenität einige inhaltliche Zusätze, die über die vier zentralen künstlerischen Einzelpositionen hinaus auch den Ausstellungskontext sowie einige kulturwissenschaftliche Obsessionen der Gegenwart thematisierten.

 

Genau in diesem Sinn gewinnt der Begriff der Gestaltung bei Lehmann seine konzeptionelle Dimension. Gestaltung ist die sinnfällige Lösung einer Aufgabe einschliesslich einer Reflexion der Geschichte und Potenziale unterschiedlicher formaler und visueller Codes. Diese Reflexion bezieht sich streng auf die Gegenwart, auf gegenwärtige Konventionen, Routinen und Standards, auf Trends, auf den Zeitgeist, auf die Moden. Die Position von Aude Lehmann ist dabei, soweit ich das sagen kann, nicht Erfüllung oder gar Imitation dieser Standards, sondern eine intelligente, eigenwillige und - wenn dies auch paradox klingen mag - komplizitäre Form von Widerstand. Vielleicht hat dies mit ihrem Verständnis von Kommunikation zu tun, die nicht als subjektiver Akt wirksam werden kann, sondern eher als eine Neu-Investition der Konventionen einschliesslich der Reaktivierung historischer Codes (Geschichte als Impuls und Korrektiv). Gerade diese Reaktivierung historischer Codes beinhaltet, da ja einiges an Unvorhergesehenem Platz darin hat, intellektuelle und strategische Potenziale, die für eine tiefer gehende Auffassung von Gestaltung relevant sind. All dies realisiert Aude Lehmann - durchdrungen vom integralen Ansatz modernistischer und neomodernistischer Gestaltung, der eine zwingende Interaktion der Materialitäten von Papier, Druck, Typografie, Farbe, Ausrüstung etc. anstrebt - als materiell kommunizierende Sprache, das heisst als eine Sprache, die sich körperlich, in der Berührung durch Auge und Hand, realisiert.

 

Daniel Kurjakovic
Kunsthistoriker, freier Kurator, Zürich